Dass sich evangelische Posaunenchöre zum gemeinsamen Musizieren treffen ist gang und gäbe. Dass sie sich aber mit Gruppen aus Blasmusikverbänden und Musikschulen zusammentun ist ein Novum.
Das liegt keinesfalls an einer gegenseitigen Antipathie, sondern vielmehr an einem ganz praktischen Problem: Während evangelische Posaunenchöre ihre Notensätze traditionell als C-Partituren lesen, verwenden Blasmusiker anderer Verbände in der Regel so genannte transponierende Stimmen. Nur wenige Musiker können Noten aus beiden Systemen lesen, weshalb ein gemeinsames Konzert von Laienmusikern ein schwieriges Unterfangen ist. Genau an dieser Schnittstelle will „Luther in Brass“, das erste rheinland-pfälzische Blech-Blas-Festival in Worms, ansetzen und sich für ein gemeinsames Musizieren einsetzen. Extra für das Festival vom 31. August bis zum 2. September erschien dementsprechend auch ein Bläserheft, welches alte und moderne Stücke in beiden System-Sprachen darstellt.
„Das Bläserheft ist notwendig für das gemeinsamen Musizieren am Festival-Wochenende, aber es soll darüber hinaus auch Wirkung entfalten“, erläutert Kilian Düring, Mitarbeiter des Festivals beim Kultursommer Rheinland-Pfalz e.V.: „Durch die Themen-Wahl „Luther“ ist das Bläserheft auch ein Beitrag zum Jahr der Musik im Rahmen des Reformationsjubiläums „Luther 2017“.“ Die Formulierung „Luther in Brass“ deute dabei zum einen auf die angesprochene Instrumentengruppe aber zum anderen auch darauf hin, dass im Rahmen des Wochenendes vieles über den Menschen, Theologen und Musiker Martin Luther und seine Persönlichkeit zu erfahren sei. Der Strube-Verlag, der das Bläserheft erstellt hat, so Düring weiter, werde die Edition auch künftig in seinem Verlagsprogramm führen und somit dafür sorgen, dass diese Musik auch in den nächsten Jahren für Blechbläser erhältlich ist. „Wir erhoffen uns dadurch eine kleine Signalwirkung in Richtung vermehrtem gemeinsamen Musizieren von Blasorchestern und Posaunenchören.“
Von Luther-Liedern bis hin zu Unterhaltungsmusik
Im Bläserheft „Luther in Brass“ enthalten sind neben den C-Partituren der Posaunenchöre auch die B-Stimmen für die Trompete. Die Stimmen-Ausgaben für Hörner, Baritone und Tuben werden ebenfalls zur Verfügung gestellt. Die Musikauswahl wurde in Zusammenarbeit mit den Posaunenwerken der Evangelischen Kirchen in Rheinland-Pfalz, der Musik- und Musikschul-Verbände sowie dem Landesmusikrat Rheinland-Pfalz getroffen. Viele der Musikstücke haben einen direkten oder indirekten Bezug zu Martin Luther, der Musik und Texte sowie Übersetzungen zum großen Kanon der christlichen Choräle beigetragen hat. So beschäftigt sich die Festival-Auftragskomposition von Mike Schönmehl mit drei Luther-Chorälen, weitere Werke mit Luther-Bezug sind von Mitgliedern der Gast-Ensembles am Festival-Konzert, Leonhard Paul („Mnozil Brass“) und Oliver Gies („Maybebop“), beigesteuert worden.
Der Idee Martin Luthers folgend, für den nicht nur choralgebundene Musik wichtige Bedeutung hatte, finden sich in dem Bläserbuch aber auch viele Bearbeitungen und Arrangements aus der Pop-, Film- und Unterhaltungsmusik sowie neu komponierte Musik mit ungewöhnlichen Spiel- und Satz-Techniken.
Ein buntes Programm erwartet Teilnehmer und Zuhörer
Am Festivalwochenende selbst steht dann das gemeinsame Musizieren und Netzwerken an erster Stelle. Dabei bietet das dreitägige Programm sowohl für Teilnehmer als auch für Besucher viele Highlights: Die Mitglieder des österreichischen Ensembles „Mnozil Brass“ werden als Vertreter der modernen Blechblas-Szene nicht nur mit einem Konzert, sondern auch als Dozenten begeistern. Für den musikalischen Gegenpart sorgt der Auftritt der bekannten, deutschen A-Cappella-.Gruppe „Maybebop“. Natürlich werden auch die teilnehmenden Blechbläser der Posaunenchöre, der Blasorchester, der Musikschulen und anderer Verbände ihr Können unter Beweis stellen. Es werden Konzerte unterschiedlicher Formationen zu hören sein, es gibt traditionelles Turmblasen, ein Nachtschwärmer-Programm und die Mitgestaltung von Gottesdiensten. Dazu kommen Workshops mit Tipps für alle Leistungsstufen: neben einem Brassband-Kurs werden die Mitglieder des österreichischen Spitzen-Ensemble „Mnozil Brass“ als Dozenten mit den Kursteilnehmern üben, wie man die richtige Note trifft. „Ein neues Lied wir heben an“ lautet der Titel einer Tagung, die sich mit Luthers Wirkung als Liederdichter beschäftigt.
„Worms als die Lutherstadt in Rheinland-Pfalz ist als Veranstaltungsort natürlich prädestiniert“, so Kulturkoordinator Volker Gallé, der das Festival von Wormser Seite aus betreut. Mit dem Festival „wunderhoeren – Tage alter Musik & Literatur“ sowie den regelmäßigen Programmbeiträgen zur Kultursommer-Veranstaltungsreihe und den Themenjahren der Lutherdekade boten sich in Worms gleich mehrere etablierte Anknüpfungspunkte für das neue Musikfestival. Volker Gallé: „Inhaltlich passt das alles wunderbar zusammen, lautet doch das diesjährige Kultursommer-Thema „Gott und die Welt“ und die Veranstaltungsreihe der „Lutherdekade“ setzt sich gerade inhaltlich mit „Reformation und Musik“ auseinander.“
Darüber hinaus weist Gallé aber auch noch auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin: „Durch das Festivalformat wird die Lutherdekade für Bewohner und Touristen erlebbar. Die Musik schafft neue Zugänge, und das wäre dann auch ganz im Sinn Luthers“ Für den Kulturkoordinator ist das Festival deshalb ein sinnvoller Baustein in der städtischen Positionierung als „Stadt der Religionen“. Unter diesem Begriff wird die kulturtouristische Vermarktung der religiösen Kulturprofile Dom, Luther und SchUM (Jüdische Geschichte) zusammengefasst. Und die zieht, wie Umfrageergebnisse einer Studie der FH Worms belegen: Der Fachbereich Touristik befragte 2011 Tagestouristen in Worms, was sie denn mit der Stadt verbänden und warum sie hierher gekommen seien. Das Ergebnis: 32,9 Prozent verbanden mit der Stadt vor allem den Dom, das Thema Nibelungen (21,3), Luther und die Reformation (15,5) sowie die jüdische Geschichte (4,6).
Weitere Informationen und Tickets
Veranstalter von „Luther in Brass“ ist die Stadt Worms in Kooperation mit dem Kultursommer Rheinland-Pfalz e.V. und in Zusammenarbeit mit der Kultur und Veranstaltungs GmbH Worms. Das Projekt wird gefördert im Rahmen des Reformationsjubiläums 2017 vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Weitere Informationen und Tickets zu allen Veranstaltungen sowie den Workshops gibt es im Internet unter www.lutherbrass.de oder beim TicketService Worms, Rathenaustraße 11 (im Wormser), Telefon: 06241-2000-450. Das Bläserheft ist für 12 Euro beim Strube-Verlag erhältlich.